Endlich Zugang zum Arzt

Würzburger Wärmestube sucht Ehrenamtliche für neues Gesundheitsprojekt

Moritz Maier steht vor der Wärmestube und lächelt direkt in die Kamera.
Moritz Maier baut die gesundheitlichen Angebote der Wärmestube sukzessive aus. Bild: Nadia Fiedler, Christophorus-Gesellschaft

04.03.2024

Er hatte in letzter Zeit ziemlich abgenommen. Das beunruhigte den Besucher der Wärmestube. Aber was sollte er tun. Er war nicht krankenversichert. Deshalb unternahm er nichts. Doch wie erleichtert war er, als er von Moritz Maier, Leiter der Einrichtung der Würzburger Christophorus-Gesellschaft, angesprochen wurde: „Ich glaube, es wäre nicht schlecht, würden Sie mal zum Arzt gehen.“

Vielen Besuchern der Wärmestube geht es gesundheitlich nicht gut. Kein Wunder. Viele haben ein hartes Leben. Sie schlafen draußen. Auch im Winter. Sie sind arm. Können sich also kein gutes Essen leisten. Sie haben oft Traumatisches erlebt. Sowohl körperliche als auch psychische Erkrankungen sind weit verbreitet.

Die gesundheitliche Versorgung der Besucher spielt in der Wärmestube eine wichtige Rolle. Schon vor Jahren wurde eine medizinische Sprechstunde etabliert. Aktuell gibt es alle vier Wochen eine eigene Wundsprechstunde. Leiden Obdachlose doch nicht selten unter offenen Beinen. Auch das diabetische Fußsyndrom kommt immer wieder vor. Seit Februar engagiert sich ein Freiwilliger im neuen Projekt „Ehrenamtliche Begleitung für Menschen ohne medizinische Anbindung“ (EMmA), weiterer werden gesucht. In Kürze startet eine psychiatrische Sprechstunde in Kooperation mit dem Projekt „Oskar“ des Förderverein Wärmestube und dem Zentrum für seelische Gesundheit.

Jener Wärmestuben-Gast, der in letzter Zeit so stark an Gewicht verlor, wird sich morgen bei einem Internisten vorstellen. „Wir haben eine Liste von Ärzten, die auch Menschen ohne Krankenversicherung behandeln“, sagt Moritz Maier. Die Freiwilligen aus dem Projekt EMmA fahnden im jeweiligen Krankheitsfall nach einem Mediziner, der bereit ist, sich den Wärmestube-Gast ohne Versicherungsschutz einmal anzusehen. Ihn zu diagnostizieren. Und gegebenenfalls eine Therapie einzuleiten.

Für das neue Projekt werden weitere Ehrenamtliche gesucht. Überhaupt bräuchte es mehr Man- und Womanpower, um der großen Nachfrage in der Wärmestube gerecht zu werden. Dass der Bedarf höher ist als das aktuelle Angebot, zeigte sich im November letzten Jahres, als die Öffnungszeiten versuchsweise ausgeweitet wurden: Statt um 16 Uhr, schloss die Wärmestube an zwei Wochenenden erst um 18 Uhr.

„Nach 16 Uhr waren immer noch über 30 Leute da“, berichtet Moritz Maier. Einige der Gäste wollten die kommende Nacht in der Kurzzeitübernachtung der Christophorus-Gesellschaft verbringen. Die allerdings öffnet erst um 18 Uhr. Nachdem nur wenige soziale Einrichtungen am Wochenende offen sind, bedeutet das, dass man, schließt die Wärmestube regulär um 16 Uhr, zwei Stunden lang die Zeit totschlagen muss. Was im Winter oder dann, wenn Schmuddelwetter herrscht, unangenehm ist.

Um regelhaft am Wochenende bis 18 Uhr öffnen zu können, bräuchte es mehr Personal. Generell sind die Kapazitäten laut Moritz Maier angesichts des großen Bedarfs ziemlich knapp. Im Durchschnitt kamen im vergangenen Jahr 40 Männer und Frauen pro Tag in die Wärmestube: „Wobei es manchmal auch über 60 Personen am Tag sein konnten.“ Einige genießen es schlicht und einfach, in der Wärmestube von anderen Menschen umgeben zu sein. Leiden sie doch sehr unter Einsamkeit. Sie holen sich einen Kaffee. Die Zeitung. Und schätzen es ansonsten, einfach da sein zu dürfen. Ohne irgendetwas tun zu müssen. Ohne behelligt zu werden.

Andere kommen vor allem der Gesellschaft wegen in die Wärmestube. Vielleicht treffen sie hier heute ihren Compagnon. Oder es ergibt sich die Gelegenheit, mit einem der Sozialarbeiter zu sprechen. Für viele obdachlose Gäste ist es wichtig, morgens, wenn sie in die Wärmestube kommen, gefragt zu werden: „Wie war denn die Nacht diesmal gewesen?“ In der Wärmestube ist niemand eine Nummer. Moritz Maier kennt im Gegenteil alle Stammgäste genau. Er weiß, wer gezwungen ist, draußen Platte zu machen. Gerade im Winter achtet er darauf, dass die Männer und Frauen alles haben, was sie dafür benötigen. Also einen guten Schlafsack. Und eine gute Isomatte.

Womit nur das Existenziellste gesichert ist. Oft wird der Sozialarbeiter um ein Beratungsgespräch gebeten: „Das mitunter auch einen seelsorgerlichen Charakter annimmt.“ Gerade während der Weihnachtszeit war das Bedürfnis groß, einmal sein Herz auszuschütten. Von Träumen zu erzählen, die in nichts zerronnen sind. Vom Verlust lieber Menschen.

Die pure Möglichkeit, in die Wärmestube kommen und dort einfach sein zu dürfen, hat psychohygienischen Charakter. Für viele wäre die Einsamkeit sonst noch wesentlich unerträglicher. Viele wären noch depressiver. Oder noch tiefer in die Sucht verstrickt.

Laut Weltgesundheitsorganisation nehmen psychische Erkrankungen seit der Corona-Krise global deutlich zu. Durch das neue Angebot einer psychiatrischen Sprechstunde soll das seelische Wohlbefinden der Besucherinnen und Besucher weiter verbessert werden. Dies, weiß Moritz Maier, muss mit äußerster Achtsamkeit geschehen. Haben doch viele Gäste der Wärmestube schlimme Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht.

Nicht selten war es die Polizei, die dafür gesorgt hatte, dass jemand in die Psychiatrie kam. Die Einweisung erfolgte also nicht freiwillig. Auch die Behandlung wurde oft als Zwang erlebt. Kein Wunder, dass man nun einen Bogen um psychiatrische Kliniken macht. Das neue Angebot soll so präsentiert werden, dass es trotz grundsätzlicher Vorbehalte möglich wird, Beratung in Anspruch zu nehmen. So, wie jener Mann, der stark abnahm, auf das Projekt EMmA angesprochen wurde, soll jemand, dem anzusehen ist, dass er mit einer tiefen Traurigkeit zurechtkommen muss, auf die psychiatrische Sprechstunde angesprochen werden.

Text: Nadia Fiedler, Christophorus Gesellschaft

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