„Ich würde das auch umsonst tun“

Die Schreinerei ist essenziell für das sozialtherapeutische Johann-Weber-Haus

Siegfried W. (links) und Frank T. (Mitte) lieben es, mit Stefan Nothegger in der Holzwerkstatt zu arbeiten. Foto: Nadia Fiedler

06.05.2024

Es ist immer jemand da, der zuhört. Dem man sein Herz ausschütten kann. Der Rat weiß. Noch etwas Anderes findet Frank T. am Würzburger Johann-Weber-Haus klasse: „Unsere Schreinerei.“ Der 51-Jährige, der 2022 in die sozialtherapeutische Einrichtung der Würzburger Christophorus-Gesellschaft zog, ist hier seit einem Jahr beschäftigt. Die Arbeit hilft ihm, sich zu stabilisieren. Seit seinem 25. Lebensjahr leidet Frank unter Panikattacken.

Frank freut sich jeden Morgen unter der Woche darauf, in die Holzwerkstatt zu gehen. Egal, ob Winter oder Sommer ist. Die Arbeit liegt ihm. Und er schätzt seinen Chef, Schreinermeister Stefan Nothegger. „Ich würde das hier auch umsonst tun“, bekennt der gelernte Radio- und Fernsehtechniker, der nach seiner letzten, gescheiterten Beziehung wohnungslos wurde. Er, der einst ein gutes Leben hatte, mit Frau und Haus und zwei Autos, verlor wegen seiner psychischen Leiden unerwartet alles. Heute lebt er von Bürgergeld. In der Schreinerei verdient er sich ein paar Euro hinzu. Vor allem aber gibt ihm die Arbeit Halt und Struktur.

Wer Frank T. kennen lernt, kann kaum glauben, was alles hinter ihm liegt. Und in welcher schwierigen Situation er nach wie vor ist. Frei erzählt der aus dem Emsland stammende Techniker und Ergotherapeut, was ihm widerfuhr. Als er noch in Nürnberg lebte, sei er an einem Punkt angelangt gewesen, an dem er dringend Hilfe gebraucht hatte. Irgendwann beschloss er, von dort nach Würzburg zu gehen: „Ich kannte die Stadt.“ Sein erster Weg führte ihn in die Bahnhofsmission. Von dort kam er in die Kurzzeitübernachtung. Und schließlich ins Johann-Weber-Haus: „Ich hatte Glück, es war gerade was frei.“

Auch Siegfried W. ist froh, dass er in die sozialtherapeutische Einrichtung aufgenommen wurde und in der Holzwerkstatt arbeiten darf. Drei Jahre war der gelernter Maler obdachlos. Inzwischen ist er 68. Und offiziell in Rente. Doch den ganzen Tag im Zimmer hocken, könnte er nicht. „Er ist ein Schaffer“, schmunzelt Stefan Nothegger. Die Arbeit mit Holz befriedigt Siegfried W. Interessant ist sie überdies. In der Holzwerkstatt werden alte Möbelstücke privater Kunden restauriert. Oft finden sich vergessene Schätze. Soeben stieß das Team auf vergilbte Papiere aus den 1930er Jahren.

Durch die Holzwerkstatt haben Siegfried W. und Frank T. wieder Kollegen gefunden. Gute Kollegen. Nette Kollegen. Fast Freunde. Das Arbeiten schweißt zusammen. Näher kommt man sich nicht zuletzt in den Pausen. Die dienen nicht nur dazu, den Hunger zu stillen und den Durst zu löschen. Sondern vor allem dem Austausch.

Gestern sprachen wir darüber, was jedem noch aus den Achtzigerjahren in Erinnerung ist“, erzählt Stefan Nothegger. Welche Musik man gehört hatte. Welche Filme man sah. Was ist seither nicht alles geschehen! Leichter sind die Zeiten nicht geworden. Gerade im Moment sind sie alles andere als leicht.

Dass alles so teuer ist, macht Menschen mit wenig Geld zu schaffen. Wer nicht gut aufpasst, ist, schwupps, in Schulden. „Leider kann ich nicht so gut mit Geld umgehen“, gibt Frank T. zu. Das muss er noch lernen. Wie er nach all den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahre überhaupt so manches neu lernen muss. „Ich muss mich selbst finden“, sagt der Bewohner des Johann-Weber-Hauses. Dabei hilft ihm seit einiger Zeit ein Psychotherapeut. Ein komplettes Jahr musste er auf den Therapieplatz warten. Durch die Therapie hofft Frank bald nicht mehr in ständiger Gefahr vor der nächsten Panikattacke leben zu müssen. Wie sehr quälten die ihn schon!

Offiziell sind Maßnahmezeiten von circa eineinhalb Jahren vorgesehen. Stefan Nothegger hält dies in vielen Fällen für unrealistisch. Die Männer, die heute ins Johann-Weber-Haus kommen, sind meist stark psychisch und sozial belastet. „Wie soll jemand nach eineinhalb Jahren gehen können, wenn es im Moment ein ganzes Jahr dauert, bis man einen Psychotherapieplatz erhält“, gibt er zu bedenken.

Fragt ein Kunde den Schreinermeister, wann das Möbelstück, das er brachte, fertig ist, nennt Stefan Nothegger nie einen konkreten Zeitpunkt: „Es ist fertig, wenn es fertig ist.“ Die Kunden akzeptieren das. Letztlich ist es ja auch logisch: Wie soll man am Anfang wissen, wann ein vor hundert Jahren hergestellter Schranke, der in desolatem Zustand in die Holzwerkstatt kommt, dem Kunden „neugeboren“ überreicht werden kann.

Mit den Teilnehmern der Maßnahme ist es genauso, sagt der Handwerker. Es ist unmöglich, am ersten Tag zu sagen, wann eine Maßnahme zu Ende ist. Schließlich durchlaufen die Klienten aus dem Johann-Weber-Haus kein vorgestanztes Programm. Frank T. hofft, dass seine Zeit nicht so schnell zu Ende sein wird. Am liebsten, gibt er zu, würde er unbefristet bleiben.

Text & Bild: Nadia Fiedler, Christophorus Gesellschaft

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