Da sein und aufmerksam anhören
Die freie Straffälligenhilfe macht auf den „Welt-Zuhör-Tag“ am 18. Juli aufmerksam
Im harten Business „Verkauf” besteht der, der gut reden kann. Der andere zu überreden vermag. Damit die etwas kaufen, was sie gar nicht brauchen. Stephan Hohnerleins Beruf ist das genaue Gegenteil. Er redet eher spärlich. Und hört viel zu. „Das ist ein Hauptanteil unserer Arbeit”, erzählt der Leiter der Zentralen Beratungsstelle für Strafentlassene (ZBS) der Würzburger Christophorus-Gesellschaft anlässlich des „Tags des Zuhörens” am 18. Juli. Durch seinen Beruf wiederum erlebt er, wie wichtig Zuhören ist.
So, wie ein Mensch dehydrieren kann, wenn er zu wenig trinkt, kann ein Mensch emotional verdursten, hat er niemanden, bei dem er sich mal aussprechen kann. Der ihm zuhört. Vor Stephan Hohnerlein sitzen Männer, die es nicht gewohnt sind, dass man ihnen ein offenes Ohr schenkt. Das man sich für sie interessiert. Für ihre Biografie. Ihre verschlungenen Lebenswege. Stephan Hohnerlein interessiert sich für seine Klienten. Vor allem dann, wenn sie ins Betreute Wohnen einziehen, hört er ihnen lange zu: „Vor dem Einzug möchten wir die Vita kennen lernen.” In die Lebensgeschichten seiner Klienten einzutauchen, findet er hochspannend.
„Vor dem Einzug möchten wir die Vita kennen lernen.”
Der Sozialarbeiter hat es mit einem breiten Spektrum an Männern zu tun, angefangen vom Ex-Knacki mit Doktorgrad, der gern Anglizismen oder Fremdwörter in seine Rede einstreut, bis hin zum Zuwanderer, der fast kein Wort Deutsch versteht. „Seit einem Jahr arbeiten wir daher auch vermehrt mit Handy und KI”, berichtet der Experte für Resozialisierung. Das war soeben wieder der Fall. Ein Hilfesuchender hatte sich um Rat an ihn gewandt.
Zwei kleine Diebstähle und vor allem wiederholtes Schwarzfahren hatten den 32-Jährigen für fünf Monate hinter Gitter gebracht: „Die Geldstrafe hatte er nicht zahlen können.” Nun war er wieder frei. Und wusste nicht, wohin. Wusste überhaupt nicht, wie es weitergehen könnte. Aufgrund der Sprachbarriere hätte Stephan Hohnerlein dem Mann früher nicht gut helfen können. Nun war zwar kein tiefergehendes Beratungsgespräch drin. Doch dank der technischen Übersetzungsmöglichkeiten konnte er dem Mann zuhören. Seine wichtigsten Anliegen verstehen. Und seine drängendsten Fragen beantworten: „Wo soll ich schlafen?“
„Nicht zuletzt durch Inhaftierung kommt es oft zum Bruch mit der Familie.”
Bei manchen Kontakten versucht Stephan Hohnerlein einfach nur so gut wie möglich Auskunft zu geben, bei anderen taucht er tief ins Gespräch ein und bemüht sich, zuhörend, herauszufinden, warum ein Mensch im Leben immer wieder scheitert. „Viele Lebensgeschichten sind voller Brüche”, sagt er. Die Eltern trennten sich früh. Der Klient selbst verließ bereits in sehr jungen Jahren das Elternhaus. Schulfreundschaften zerbrachen. Die Partnerin trennte sich: „Nicht zuletzt durch Inhaftierung kommt es oft zum Bruch mit der Familie.”
Durch seine Arbeit bekommt Stephan Hohnerlein mit, wie wenig sich Menschen inzwischen zuhören. Dabei wäre dies wichtiger denn je. Wird es doch immer schwieriger, den Alltag zu bewältigen. Zumindest dann, wenn man nicht über viel Geld verfügt. Auf den Klienten der Christophorus-Gesellschaft lastet der Druck noch viel stärker. Ohne Sozialleistungen kämen sie nicht klar. Doch bis endlich Geld fließt, darauf muss aktuell oft monatelang gewartet werden. Manchmal ein ganzes Jahr. Viele Klienten denken, dass das mit voller Absicht geschähe. Dass andere schneller zu Leistungen kämen. Dass allen anderen das Wohngeld schneller überwiesen würde: „Viele unserer Klienten haben eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Behörden.”
„Viele unserer Klienten haben eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Behörden.”
Schlechte Erfahrungen mit dem Ausländeramt und dem Jobcenter, schlechte Erfahrungen mit der Justiz oder mit sozialen Ämtern: Manche Klienten sind auf den gesamten Staat nicht mehr gut zu sprechen. Einige sind derart gefrustet, dass sie Sündenböcke suchen. Und diese auch prompt in Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind, finden. Hier legt Stephan Hohnerlein einen Riegel vor. Zwar hört er sich alle möglichen Ansichten an. Auch skurrile. Doch andere Menschen abzuwerten, das geht nicht. Wer sich in seinen feindseligen Auffassungen nicht beirren lässt, wer hier nicht auf Gegenargumente hört, muss gehen. Zum Glück kommt das nicht allzu oft vor.
Manche Männer, die vor ihm sitzen, gehen regelrecht verschwenderisch mit Worten um: „Die muss ich irgendwann bremsen.” Andere bringen nicht einmal auch nur ein freundliches „Guten Morgen!” heraus. Durch einen knapp hingeworfenen Satz schildern sie ihr Anliegen. Als Sozialarbeiter ist es Stephan Hohnerlein gewohnt, die unterschiedlichsten Menschen vor sich zu haben. Sehr viele eint, dass sie völlig alleine sind. Und sehr gefrustet. Zum „Welt-Zuhör-Tag“ am 18. Juli würde sich der Sozialarbeiter wünschen, dass die Menschen einander wieder mehr als Menschen wahrnehmen. Und versuchen, durch Zuhören herausfinden, warum der andere so ist, wie er ist.
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