Stefan Nothegger restauriert in der Holzwerkstatt des Johann-Weber-Hauses zusammen mit zwei Bewohnern alte Möbelstücke.
13. Oktober 2026
Autor: Nadia Fiedler

Dann kam’s zum radikalen Bruch

Die Angebote zur Beschäftigung stabilisieren die Bewohner des Johann-Weber-Hauses

Die Uhr hing direkt gegenüber vom Bett. Und der Zeiger rückte kaum vorwärts. Endlos verging die Zeit. Endlos. „Es war schrecklich”, erzählt Andreas, ein junger Bewohner des Johann-Weber-Hauses der Würzburger Christophorus-Gesellschaft. Drei Wochen lang war er vor einem Monat auf Entzug gewesen. Davor hatte der 25-Jährige massiv getrunken. Im Moment schafft er es, abstinent zu leben. Dabei hilft ihm das Johann-Weber-Haus. Und vor allem die in die Einrichtung integrierte Holzwerkstatt.

Im Johann-Weber-Haus werden Männer sozialtherapiert, die es aus der Bahn geworfen hat. Andreas war so tief unten, dass er auf der Straße lebte. Vom Morgen an trank er. Bis zum Abend locker einen Kasten Bier. Dass er es im Moment schafft, keinen Tropfen anzurühren, verdient laut Stephan Nothegger, Leiter der Holzwerkstatt, allerhöchsten Respekt. Vor allem ihm war es wichtig gewesen, dass Andreas nach dem Entzug beschäftigt wird. Haben die Hände was zu tun, denkt es im Kopf nicht ständig: “Alk!”

Andreas ist seit zwei Wochen dabei, einen fertig geschliffenen Kleiderschrank zu wachsen. Das ist eine schweißtreibende Arbeit, die Ausdauer erfordert. Am Abend ist Andreas groggy. Todmüde fällt er ins Bett und schläft ein. Ohne einen Schluck getrunken zu haben.

„Von da an ging es bergab.”

Mit ihm zusammen arbeitet Dieter. Der ist 44 Jahre alt und war lange im Einzelhandel beschäftigt. Bis vor vier Jahren hatte er ein ganz normales Leben geführt. Dann wurde er schwer krank. Vier Wochen lag er im Koma: „Von da an ging es bergab.” Dieter verlor seinen Job. Dann die Wohnung. Im März zog er ins Johann-Weber-Haus ein. Im Augenblick arbeitet er zwei Stunden am Tag in der Holzwerkstatt. Bald möchte er drei Stunden körperlich durchhalten. Und irgendwann wieder einen ganzen Arbeitstag durchstehen.

Während Andreas die Oberfläche des Schranks behandelt, schleift Dieter eine Bank. Bis ein Möbelstück restauriert ist, das dauert. Weil die Menschen, die in der Holzwerkstatt arbeiten, nun mal keine gelernten Schreiner sind. Und weil jeder sein Päckchen zu tragen hat. Manchmal ruht die Arbeit für einen Moment. Da braucht es eine kleine Pause. Oder eine kleine Aussprache. Mit Stefan Nothegger können die Männer jederzeit darüber reden, was sie gerade belastet.

„Auf ein Jahr hinaus haben wir im Moment zu tun“

Viele Menschen rund um Würzburg bringen Möbelstücke, die sie aufgearbeitet haben möchten, bewusst in die Holzwerkstatt des Johann-Weber-Hauses, weil sie wissen, wie wichtig diese Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft ist. „Auf ein Jahr hinaus haben wir im Moment zu tun“, sagt der Schreinermeister. Schön fände er, kämen bald wieder neue Aufträge herein. Damit das Team sicher weiß: Es geht auch 2028 gut weiter.

Nicht nur in der Holzwerkstatt finden die Männer aus dem Johann-Weber-Haus Beschäftigung. Erik arbeitet im Projekt „Haus & Hof“. Was ihm großen Spaß macht: „Würde ich den ganzen Tag auf meinem Zimmer hocken müssen, würde ich eingehen.“ Erik reinigt das dreistöckige Gebäude. Wechselt Müllsäcke. Schaut, dass immer genug Putzmittel da sind. Kauft ein. Kehrt den Hof: „Und zieht ein Bewohner aus, mache ich dessen Zimmer sauber.“

„Und zieht ein Bewohner aus, mache ich dessen Zimmer sauber.“

Genau wie Dieter und Andreas hat auch Erik einen heftigen Bruch hinter sich. Der 28-Jährige war mehrere Jahre lang Soldat auf Zeit. Bei der Bundeswehr fühlte er sich wohl: „Mein alter Chef war megaklasse.“ Dann kam er zu einem neuen Vorgesetzten: „Das hat menschlich gar nicht gepasst.“ Statt sich weiter zu quälen, zog Erik die Reißleine. Kündigte. Ging.

Sein Gehalt wurde noch eine Weile weitergezahlt. In dieser Zeit hätte Erik sich etwas anderes suchen können. Doch er war wie gelähmt. Der Bruch nahm ihn psychisch mehr mit, als er das zunächst gedacht hätte. Irgendwann ging ihm das Geld aus. Mietschulden liefen auf. Kurz, bevor er die Wohnung verlor, wandte sich Erik an seine Gemeinde um Hilfe. Schließlich kam er zur Zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose der Christophorus-Gesellschaft, wo man ihn auf das Johann-Weber-Haus aufmerksam machte.

Erik ist unglaublich dankbar, dass er im Januar hier einziehen konnte. Und dass er hier Unterstützung erhält: „Vor allem bei Behördengängen.“ Bis Mitte nächsten Jahres hat er Zeit, sich zu stabilisieren. Alles, was er in den letzten Jahren erlebt hat, zu verarbeiten. Sich neu zu orientieren. Eigentlich würde er gerne vorher ausziehen. Er möchte es noch einmal bei der Bundeswehr versuchen. Schließlich werden dort gerade Interessenten gesucht. Und dass er dort noch einmal Pech mit einem Chef hat, kann sich Erik eigentlich nicht vorstellen.

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