Unbehaust und ungeschützt
KZÜ-Betreuungshelfer wünscht sich zum Tag der Wohnungslosen mehr Verständnis
Plötzlich kann man einer Zahlungsverpflichtung nicht mehr nachkommen. Erstmals häufen sich Schulden an. Plötzlich ist die Miete nicht mehr zu zahlen. Wie leicht man aus einem ganz normalen Leben rausgeschleudert werden kann, hat Philipp Stahl, Betreuungshelfer in der Würzburger Kurzzeitübernachtung (KZÜ), schon oft erfahren. Anlässlich des Tags der Wohnungslosen am 11. September appelliert er, Menschen, die auf der Straße landeten, mehr Verständnis entgegenzubringen.
Auf der Straße zu leben, unbehaust, ungeschützt, ohne Zielpunkt und von der Hand in den Mund, ist ungemein aufreibend. „Viele Männer kommen her und wollen gar nicht groß reden, sie wollen einfach nur hoch aufs Zimmer, ins Bett”, sagt der Mitarbeiter der Würzburger Christophorus-Gesellschaft, Trägerin der KZÜ. Einige haben mehr als 20 Kilo Gepäck dabei. Ihre ganze Habe schleppen sie den ganzen Tag mit sich herum. Im Rucksack. Oder in großen Plastiktüten. Oder in ausrangierten Taschen. Ein paar Klamotten sind darin enthalten. Ein bisschen Geschirr. Eine Zahnbürste. Ein Rasierer. Was andere in ihrer Wohnung haben, steckt in ihrem Reisegepäck.
„Viele Männer kommen her und wollen gar nicht groß reden, sie wollen einfach nur hoch aufs Zimmer, ins Bett.”
Alles ist anders, lebt man auf der Straße, was damit beginnt, dass man sich morgens nicht einfach duschen kann, und lange noch nicht damit endet, dass man auf eine regelmäßige Zustellung der Post verzichten muss. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie so ein Leben ist. Von jenen Obdachlosen, die Philipp Stahl in den vergangenen vier Jahren kennen gelernt hat, führten wiederum viele früher ein ganz normales Leben. Ein Klient zog sogar ein Studium bis zum Abschluss durch. Nach dem Tod der Eltern lief dann irgendetwas schief. Nun lebt er auf der Straße. Und ist ständig auf der Flucht: „Er leidet unter Verfolgungswahn.” Und zwar massiv.
Auch wenn Philipp Stahl weiß, so ist es nicht gewesen, so kann es ganz unmöglich gewesen sein, hört er den Geschichten des Obdachlosen zu. Drohnen, ist der Mann überzeugt, würden ihn verfolgen. Manche Geldscheine sind in seinen Augen verdächtig.
Die Vorstellung, dass das doch gar nicht so schlimm ist, wenn man den ganzen Tag auf der Straße herum gammelt, dass man dann doch super entspannt sein müsste, ist grundfalsch. Es ist im Gegenteil unglaublich anstrengend, ständig von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist anstrengend, sich jeden Abend darum kümmern zu müssen, wo man übernachten kann. Es ist anstrengend und ungemein belastend, mit ständiger Ausgrenzung fertig zu werden. In Form schiefer Blicke von Passanten. Aber auch im Gesundheitssystem: „Viele erzählen, dass man sie im Krankenhaus oder in der Arztpraxis so schnell wie möglich weiterschickt.“
„Vorurteile gegenüber Wohnungslosen hatte ich nicht, obwohl ich damals noch keinen einzigen Wohnungslosen gekannt habe, aber ich behandle immer alle Menschen gleich.“
Viele Bürger sehen absichtsvoll weg, entdecken sie einen Bettler auf der Straße. Bloß keinen Blickkontakt! Philipp Stahl hingegen ließ sich vor vier Jahren bewusst auf den Nachtdienst in der Kurzzeitübernachtung ein. Hinter ihm lagen zwei Ausbildungen: Als Industriemechaniker sowie als Maler und Lackierer. Durch Zufall erfuhr der heute 36-Jährige von dem Job als Betreuungshelfer in der KZÜ. Der reizte ihn sofort: „Vorurteile gegenüber Wohnungslosen hatte ich nicht, obwohl ich damals noch keinen einzigen Wohnungslosen gekannt habe, aber ich behandle immer alle Menschen gleich.“ Aus diesem Grund kam er sofort mit den Klienten der KZÜ klar.
Die Akkumulation von Krisen trägt nach seiner Ansicht dazu bei, dass immer mehr Bürger von sozialem Abstieg bedroht sind. Vor allem erwischt es die Menschen immer früher. „Mir fällt auf, dass vermehrt junge Leute zu uns kommen, einige sind gerade mal 18, ich finde das sehr traurig”, sagt Philipp Stahl. Die genauen Ursachen kennt er nicht. Nicht alle Klienten sind bereit, sich zu öffnen. Wenn, dann wird eher Allgemeines erzählt. Von Streit mit den Eltern zum Beispiel. Aber wahrscheinlich steckt noch mehr dahinter, vermutet der Mitarbeiter der Christophorus-Gesellschaft. Dort, wo er hinter die Kulissen blicken kann, stößt er meist auf tragische Geschichten.
„Mir fällt auf, dass vermehrt junge Leute zu uns kommen, einige sind gerade mal 18, ich finde das sehr traurig”
Öffentlich diskutiert wird über die hohe Zahl wohnungsloser Menschen möglicherweise deshalb kaum, weil es sich um ein angstbesetztes Thema handelt. Insgeheim ist wohl vielen Bürgern bewusst, wie leicht man heutzutage abrutschen kann. Natürlich macht dieser Gedanke Angst. Natürlich möchte man sich nicht dadurch, dass man sich mit der Situation von Wohnungslosen befasst, mit einem solchen Gedanken konfrontieren. Dabei wäre es nach Ansicht von Philipp Stahl so wichtig, mehr Verständnis für wohnungslose Menschen zu entwickeln. Die litten sowieso schon sehr unter ihrer schlimmen Lage. Aber ganz besonders unter Ausgrenzung. Und die aktuellen Reformbestrebungen der Regierung machen ihnen noch mehr Angst, denn die Stigmatisierung wird hierdurch noch weiter zunehmen.
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