Jan Bläsing, der Leiter von „Noah”, dem erfolgreichen Projekt der Christophorus-Gesellschaft zu Bekämpfung der Wohnungslosigkeit.
11. Februar 2026
Autor: Nadia Fiedler

Endlich ein eigenes Domizil

In Wohnraum zu bringen ist beim Projekt „Noah” von oberster Priorität

Die Methode funktioniert. Und sie funktioniert richtig gut. Das zeigt sich am Beispiel von Roland F. (Name geändert). Der 59-Jährige, der 25 Jahre lang in der Würzburger Obdachlosenunterkunft lebte, hat dank des Projekts „Noah” der Christophorus-Gesellschaft seit dreieinhalb Monaten wieder ein eigenes Domizil. „Noah“ arbeitet nach der Methode „Housing First”. Was bedeutet: Wer wohnungslos ist, erhält zunächst Wohnraum. Erst dann werden alle anderen Probleme angepackt.

Viele, die zum ersten Mal in die Obdachlosenunterkunft kommen, denken, sehen sie, wie es hier ausschaut, dass sie sich am lieben sofort wieder davonmachen würden. Es ist nicht schön hier. Ganz und gar nicht. Roland F. allerdings konnte nicht einfach gehen. Konnte sich nicht davonmachen. 25 Jahre lang teilte er mit Männern, die er sich nicht ausgesucht hatte, ein Zimmer. Nachts war es oft furchtbar laut. Manchmal kam es zu Auseinandersetzungen. Die blieben auch nicht immer verbal. Manchmal kam es zu körperlichen Attacken. Oder Überfällen.

Ein eigenes Badezimmer mit Dusche zu haben, wo man sich nach einem anstrengenden Tag unterm Brausekopf relaxen kann, so etwas kannte Roland F. ebenfalls 25 Jahre lang nicht. Er hatte nicht einmal eine eigene Toilette. Und keine eigene Küche. Die Toilette, die Dusche und die Küche, die er mit den anderen Männern aus der Obdachlosenunterkunft teilen musste, war oft verdreckt. 25 Jahre lang ertrug er es mit viel Alkohol, unter diesen Umständen zu hausen.

„Wir hatten ihm eine Geburtstagskarte geschrieben und mitgebracht”

Roland F. ist außerordentlich glücklich, dass er endlich wieder eine eigene Bleibe hat. Er hatte damit gar nicht mehr gerechnet. Weiß er doch, wie angespannt der Wohnungsmarkt ist. Gut gefällt es ihm hier, wo er jetzt ist. Ende letzten Jahres hatte er in seiner neuen Wohnung sogar ein äußerst beglückendes Erlebnis: Das „Noah“-Team feierte mit ihm Geburtstag. „Wir hatten ihm eine Geburtstagskarte geschrieben und mitgebracht”, berichtet Projektleiter Jan Bläsing. So viel Glück konnte Roland F. kaum fassen: Da machen sich Menschen Mühe, ihm eine Karte zu schreiben! Es sei 40 Jahre her, erzählte er, dass er zuletzt eine Geburtstagskarte erhielt.

So schön es ist, eine eigene Wohnung zu haben, so kann es doch dann, wenn man nichts zu tun hat, wenn es draußen kalt und der Himmel bedeckt ist und nicht ins Freie lockt, ganz schön öde Momente daheim geben. Anfangs begab sich Roland F. denn auch öfter zu seinen alten Kumpeln. Es dauerte, sich daran zu gewöhnen, alleine zu Hause zu sein. Auch dabei erhielt Roland F. von „Noah“ Hilfe. „Wir sehen ihn mindestens zweimal in der Woche“, so Jan Bläsing. Bei diesen Treffen kann der Klient über alles sprechen, was ihn bewegt. Über Momente des Alleinseins. Und wie er damit klarkommt. Wie es inzwischen mit seiner Alkoholsucht ist. Und überhaupt, wie es ihm geht.

Das harte Leben in der Obdachlosenunterkunft hat Roland F. körperlich ziemlich beeinträchtigt, ganz beschwerdefrei wird er auch wahrscheinlich nicht mehr werden. Der Endfünfziger schaut mindestens 15 Jahre älter aus, als er ist. Organisch ist nicht alles in Ordnung. Das Schlimme, was er erlebte, schlug sich aber  auch auf seine Psyche.
Bisher galt, dass, wenn so viele ungünstige Umstände zusammentreffen, es sehr schwierig ist, einen Menschen in eigenen Wohnraum zu vermitteln. Zuerst, so die bisherige Devise, müssten die verschiedenen Probleme angegangen werden, bevor ein Umzug in die eigenen vier Wände gelingen kann. Dies passt jedoch nicht auf alle. Daher braucht es unterschiedliche Wohn- und Betreuungsangebote für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Der Ansatz von Noah ergänzt somit das bereits von den anderen Einrichtungen der Christophorus angebotene Spektrum um einen wichtigen Aspekt: Eine eigene Wohnung als sichere und feste Basis für einen Neuanfang.

„Wir haben ihn bei der Suchtberatung angebunden“

Nachdem nun alles, was den Um- und Einzug anbelangt, zum Abschluss gebracht ist, setzt sich denn auch Roland F. im Moment damit auseinander, wie er seinen Alkoholkonsum reduzieren könnte. „Wir haben ihn bei der Suchtberatung angebunden“, berichtet Jan Bläsing. Auch seine Schulden versucht der „Noah“-Klient, in den Griff zu bekommen. Das ist im Verbund der Christophorus-Gesellschaft möglich, die auch eine spezialisierte  Schuldnerberatung anbietet.

Fast ein bisschen bizarr erscheint, wie emsig sich Roland F., der 25 Jahre lang Dreck gewohnt war, nun um seine Wohnung kümmert. „Ihm ist es sogar wichtig, den Boden regelmäßig zu wachsen“, erzählt Jan Bläsing. Selten hat der Sozialarbeiter eine derartige Kollektion an Reinigungsmitteln gesehen. Für jeden Bedarf hat Roland F. das entsprechende Equipment. Damit scheuert er das Waschbecken im Bad. Bringt die Spüle in der Küche auf Hochglanz. Und er schaut, dass kein Staub auf den Schränken liegt.

16 Klientinnen und Klienten werden derzeit von „Noah“ betreut, eine Zahl, die angesichts der vielen Wohnungslosen in Würzburg auf den ersten Blick unbedeutend erscheint, tatsächlich aber äußerst respektabel ist. Es dauert, bis sich eine geeignete Wohnung findet. Auch der Integrationsprozess nach Jahren der Wohnungslosigkeit benötigt Zeit. Ziel ist es, bald 20 Menschen in eigenen Wohnungen zu unterstützen. Dieses Ziel hofft die Christophorus-Gesellschaft in Zukunft gemeinsam mit der Stadt realisieren zu können.

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