Navina De, Nadia Fiedler und Johannes Kopf unterstützen überschuldete Inhaftierte aus der Würzburger Justizvollzugsanstalt.
18. Mai 2026
Autor: Stephan Hohnerlein

Mit einer Million Miesen im Knast

Schuldnerberater:innen der Christophorus-Gesellschaft unterstützen direkt in der JVA

Die Wohnung musste geräumt werden. Was viel gekostet hat. Miet- und Stromschulden waren aufgelaufen, ein Darlehen bei der Bank nicht mehr zu bedienen gewesen. Mehrere Mikrokredite läpperten sich. Überhaupt ziemlich viele Schulden. Dass einer der in Würzburg Inhaftierten 10.000 oder 50.000 Euro Schulden mit in den Knast bringt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Navina De, Nadia Fiedler und Johannes Kopf von der Würzburger Christophorus-Gesellschaft helfen in diesem Fall.

Die Männer und Frauen, die von dieser besonderen Fachberatungsstelle der Christophorus-Gesellschaft profitieren, haben irgendwann mal heftig zugeschlagen oder lange Finger gemacht, geraubt oder betrogen. Die Delikte haben oft nichts mit der finanziellen Misere zu tun. Spielen in den Beratungsprozess jedoch mit hinein. Es geht also nicht nur um die Frage, wie die Schulden zustande gekommen sind. Wie sie reguliert werden könnten. Und wie es in Zukunft gelingen kann, schuldenfrei zu leben. „Die Gefangenen möchten mit uns auch über ihre Situation sprechen, sie benötigen psychosoziale Begleitung”, sagt Johannes Kopf.

„Wichtig ist es, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie durch uns nicht nochmal für ihre Tat verurteilt werden.“

„Wichtig ist es, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie durch uns nicht nochmal für ihre Tat verurteilt werden“, ergänzt Nadia Fiedler. „Das wäre auch gar nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, ihnen nach der Haft einen Neuanfang möglichst ohne Schulden zu ermöglichen.“ Schulden sind ein verbreitetes Problem, was unter anderem damit zusammenhängt, dass kaum ein Schulabgänger über private Haushaltsplanung, Vertragsgestaltung oder Schuldenfallen Bescheid weiß. Außerdem ist es einfacher denn je, an Mikrokredite zu kommen. Dies spiegelt sich in der Statistik der Schuldnerberatung in der JVA. „Unsere Nachfrage ist sehr hoch”, sagt Einrichtungsleiterin Navina De. 157 Gefangene wurden 2025 beraten. Heuer meldeten sich bereits 71. Hält der Trend an, müssten bis Jahresende 250 Gefangene beraten werden. Wobei es ohnehin nicht sofort Unterstützung gibt: 39 Männer und Frauen stehen derzeit auf der Warteliste.

Marcus A. (Name geändert), ein Klient von Johannes Kopf, steckte der Schrecken über das, was er angerichtet hatte, lange tief in den Knochen. Verzweiflung, Scham, Angst und Sehnsucht nach Freiheit quälten ihn. „Er kam zwar immer mit irgendeinem Brief in die Beratung, aber letztlich ging es viel um seine Lage”, schildert der Sozialarbeiter, der seit Anfang 2025 überschuldete Gefangene berät. Johannes Kopf öffnete mit ihm die Briefe. Las durch, was Gläubiger oder Inkassobüros schrieben. Und kam darüber mit dem Häftling ins Gespräch. Über leichtere Themen näherten sich die beiden einander an. Nach und nach öffnete sich der Gefangene. Und sprach von seinen seelischen Qualen und auch über seine Tat.

157 Gefangene wurden 2025 beraten. Heuer meldeten sich bereits 71. Hält der Trend an, müssten bis Jahresende 250 Gefangene beraten werden.

Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu behalten, ist angesichts der Teuerungen eine Kunst, die beherrscht sein will. Für Gefangene ist es besonders wichtig, zu lernen, sie zu beherrschen. Oder zumindest zu wissen, wo es Hilfe gibt, bricht das finanzielle Gebäude wieder in sich zusammen. „Zu uns kann man immer wieder kommen”, sagt Navina De. Oft beginnt sie, einen Gefangenen in der JVA zu beraten, wird er entlassen, setzt sich die Begleitung in der regulären Schuldnerberatungsstelle der Christophorus-Gesellschaft fort. Navina De hilft aber auch, wenn jemand wegzieht: „Kürzlich stellte ich ausnahmsweise für eine Frau, die nun in Coburg lebt, eine Bescheinigung fürs Pfändungskonto aus, da diese noch keinen Anschluss an die dortige Schuldnerberatung gefunden hatte und noch Entlassungsstress hatte.”

Gefangene müssen besonders gut aufpassen, dass sie nicht gleich nach der Entlassung wieder in die nächste Schuldenfalle tappen, da ihre Lebenssituation ohnehin äußerst prekär ist. Neben den Schulden haben die meisten Probleme mit dem Wohnen. Nach Arbeit muss gesucht werden. Alte Freunde sind zu meiden. Neue zu finden. Und dann ist da womöglich immer noch die Sucht. Wegen der man im Gefängnis landete.

Schuldnerberatung direkt in der Justizvollzugsanstalt ist ein Baustein, um den sogenannten Drehtüreffekt zu verhindern.

Gefangene müssen besonders gut aufpassen, dass sie nicht gleich nach der Entlassung wieder in die nächste Schuldenfalle tappen, da ihre Lebenssituation ohnehin äußerst prekär ist. Neben den Schulden haben die meisten Probleme mit dem Wohnen. Nach Arbeit muss gesucht werden. Alte Freunde sind zu meiden. Neue zu finden. Und dann ist da womöglich immer noch die Sucht. Wegen der man im Gefängnis landete.

Normalerweise gibt es kein Lebensfeld, das tadellos in Ordnung wäre. Was vor immense Herausforderungen stellt. Nehmen die Probleme überhand, kann es schnell geschehen, dass man wieder irgendetwas tut, was mit dem Gesetz ins Gehege bringt. Und abermals hockt man hinter Gittern. Schuldnerberatung direkt in der Justizvollzugsanstalt ist ein Baustein, um den sogenannten Drehtüreffekt zu verhindern. Deshalb wird sie vom Bayerischen Justizministerium unterstützt. 750 Stunden Beratungsarbeit in der JVA erhielt die Christophorus-Gesellschaft 2025 refinanziert – 150 Stunden mehr als ursprünglich veranschlagt. Weitere Aufstockungen wären aufgrund der hohen Nachfrage nötig.

Niemand ist alleine schuld an Obdachlosigkeit. Niemand ist alleine schuld an hohen Schulden.

Zu den Prinzipien der Sozialarbeit bei der Würzburger Christophorus-Gesellschaft gehört ist, dass man niemals einen Klienten wegen etwas, was er getan hat, zurechtweisen würde. Niemand ist alleine schuld an Obdachlosigkeit. Niemand ist alleine schuld an hohen Schulden. Auch Gefangene in der Justizvollzugsanstalt müssen nicht fürchten, dass sie wegen dem, was sie verbrochen haben, oder wegen der Menge an Schulden, die sie anhäuften, kritisiert würden. Gerade diese sind manchmal immens hoch. Ein bis zweimal jedes Jahr sitzt Navina De einem Gefangenen gegenüber, der mit einer Million in der Kreide steht.

So, wie man Verurteilte begnadigen kann, kann man Menschen mit hohen Schulden von denselben befreien. Und zwar durch ein Restschuldbefreiungsverfahren. Navina De und ihre Kolleginnen und Kollegen helfen, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Und sie helfen durch das gesamte Verfahren. Es gibt allerdings, und das ist insbesondere für Gefangene relevant, einige Schulden, von denen man sich nicht befreien kann. Dazu gehören zum Beispiel der sogenannte Wertersatz, Schmerzensgeld und Geldstrafen oder andere Forderungen die durch eine Straftat entstanden sind. Manche Gefangene müssen deshalb lebenslang mit sehr hohen Schulden zurechtkommen. Sie hangeln sich also immer an der Pfändungsgrenze entlang. Was nicht leicht ist. Die Christophorus-Gesellschaft hilft auch in dieser Lage.

Zurück zur Newsübersicht

Ihre Spende hilft
uns, um zu helfen!

Mit dieser Spende unterstützen Sie die Arbeit der Christophorus-Gesellschaft. Wir verwenden Ihre Spende dort, wo sie im Moment am Nötigsten gebraucht wird.

Spendenbetrag in Euro
Ihre Daten
Spendenrhythmus*
Spendenrhythmus wiederkehrend
Spendenzweck
Zahlungsart*
SEPA Lastschrift - Ihre Kontodaten
Manuelle Überweisung

Tipp: Noch bequemer für Sie ist der automatische Einzug per SEPA-Lastschrift von Ihrem Konto!

Alle Daten für die Überweisung senden wir Ihnen an die oben angegebene E-Mail-Adressse per E-Mail zu.

Was ist die Summe aus 9 und 6?